Dr. Klassen hilft in Burundi

Liebe Freunde, wenn Sie zum ersten Mal einen Brief von mir erhalten, dann habe ich im Laufe des letzten Jahres Ihre eMail Adresse bekommen. Ich nehme Sie mit auf einen Besuch in Afrika, nach Burundi. Ihre Adresse ist in BCC gestellt, so dass keine Adressdaten weitergeleitet werden; wenn Sie das nicht möchten: bitte nicht ärgern sondern einfach löschen oder mir Bescheid geben.

Vor drei Jahren war ich schon einmal hier, am Tag nach dem Versuch eines Coup d'Etat, damals mit Barbara und Imanuel Kögler, auf der Suche nach einer Erweiterung der Arbeit des Kinderwerk Lima auch in Afrika. Wir besuchten eine Arbeit auf dem Land, von der "Harvest for Christ" Gruppe, einer kleinen christlichen Organisation in Burundi. Und jetzt ist das ein neuer Zweig geworden: nach Peru und Paraguay in Südamerika nun Burundi in Mittel/Ostafrika. Die Schule geht bis zur neunten Klasse, erst einzügig, aber die Rohbauten für eine Aufstockung stehen schon, ein Internat ist geplant, Aufbruchstimmung.

Und diesmal ist die Gruppe größer: 12 Royal Rangers (Christliche Pfadfinder) aus Paraguay haben den Sprung über den großen Teich gewagt und ich bin mit meiner Frau aus Deutschland sind dazugestoßen. Knapp zwei Wochen wollen wir hier bleiben und einen Arbeitseinsatz machen. Alle haben sich vorbereitet für Unterricht, Workshops, Spiele, Verschönerungsarbeit und alle wissen es auch, dass nicht alles so laufen wird wie geplant. Aber dafür sind wir in Afrika.

Die Unterkunft in Muramvya, etwa 1 1/2 Stunden abenteuerliche Fahrt von Bujumbura etnfernt, ist sehr großzügig, was die Zimmer angeht, aber sonst nichts (ok, fließend eiskaltes Wasser). In den Minibus von Toyota kommen wir alle gequetscht hinein, und für das letzte Essen haben wir nach der Bestellung mehr als 2 Stunden gewartet. Na und? Wir haben zu essen.

Am Samstag wurde die Zufahrtstraße eingeebnet. Es gibt ein burundisches Gesetz, dass am Samstag ein ehrenamtliches Engagement ausgeübt werden soll: öffentliche Gebäude, Parks, etc. Die meisten richten sich nicht danach, aber die Schüler und viele Schaulustige waren dabei, wohl etwa 200 Arbeits- und Zuschauerkräfte. Es gab Schaufeln, keinen Schubkarren, keine Wasserwage und keinen Rüttler. Aber Sie glauben nicht, was ein paar Hundert engagierte Hände alles schaffen können.

Am Sonntag wie gewohnt zur Kirche in einen Rohbau, mit abgestütztem Dach und einer guten Musikanlage, mit engagierten Mitarbeitern. Ein Teil von uns machte beim Kindergottesdienst mit, danach folgte eine lange Predigt auf Kirundi, mit - aus Kulanz - englischer Übersetzung, über das Nicht-Sorgen-Machen. Eigentlich hatte er recht, aber musste das zwanzig Mal wiederholt werden? Dann noch Abendmahl, ein paar sehr bewegten und getanzten Liedern, und nach 3 Stunden 10 Minuten war dann Schluss.

Am Nachmittag haben wir dann als ganze Gruppe eine "Wanderung" in das nähere Einzugsgebiet der Schule gemacht. Über Stock und Stein, über Erdtreppen und schmale Pfade, über Gräben und Baumstämme, vorbei an zwei eingefassten Quellen, an Äckern und Pflanzungen vorbei. Wir haben sicher ein paar Hundert Höhenmeter geschafft, einige Dörfer besucht, viele Hände geschüttelt, Babies gehalten, Fußball gespielt. In eine Hütte durften wir sogar hineingehen: 3 Schlafräume (eine mit Ziege), eine Küche, ein paar Sachen, die herumstehen, alles ohne Fenster. Strom gar nicht, Wasser über Kanister von der Quelle zu erlaufen. Aber alles ist grün, alles wächst, jeder hat sein kleines Feld und baut (fast) immer genügend an, um nicht zu verhungern. Ein paar Kühe wurden gesichtet, ansonsten die üblichen Hühner, keine Hunde. Dorfidylle? Ich weiß es nicht, solange kein Krieg ist, oder man krank wird, reicht alles aus. Aber in jeder Notlage sind sie vollständig aufgeschmissen. Die meisten Erwachsenen sind Analphabeten. Deshalb ist es sicherlich eine gute Entscheidung, mit Hilfe da anzufangen, wo sie am nachhaltigsten wirkt: mit einer guten Schule.

Und da sind wir, heute schon den zweiten Tag. Vormittag ein paar Unterrichtsstunden mitgemacht bei engagierten und weniger engagierten Lehrern, und am Nachmittag ein halbes Dutzend Workshops mit allen möglichen Sachen: Wurfball, Malen, Falten, Volleyball, Mathematik, Computerkurs für Lehrer. Meine Paraguayer waren immer wieder überrascht, wie aus schüchternen Kindern innerhalb von Minuten begeisterte Akteure wurden. Wir haben einen Teil der Wand neu angestrichen, den Eßsaal mit Sprüchen verziert und gehen gerade aktiv den Ofen der Küche an, der - ohne Schornstein - die ganze Bude mit Rauch durchzieht. Es gibt immer was zu tun. Unsre Leute schnappen immer mehr Wörter in Kirundi auf sie unsere Sprache und so kam als Fazit beim Englischunterricht heraus, dass alle jetzt besser spanisch sprechen. Fast 400 Schüler erhalten hier Unterricht, ein warmes Essen und eine geistige Begleitung ins Leben.

Wir wollen nicht als die "Wissenden" herüberkommen. Für viele von uns ist es nicht die erste Begegnung mit fremden Kulturen; viele haben schon früher mit den Indigenen in Paraguay zusammengearbeitet und finden immer wieder Parallelen mit der hiesigen Bevölkerung. Gestern Abend hockten wir noch 2 Stunden zusammen und haben die Tage reflektiert. Wir sind dankbar, für die Gelegenheit, hier zu sein; und dankbar für das Leben, das wir haben. Juan Marco Guzmann drückte das heute früh bei der Morgenandacht so aus: erst wenn wir uns unserer Schwäche bewusst sind, kann Gott in unserem Leben wirken; und unser alter Matthias Claudius in seinem wohl bekanntesten Lied : "Wir stolzen Menschenkinder….. wissen gar nicht viel."

Wir sind die Lernenden und die Beschenkten.

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche. Gott befohlen und bis zum Wochenende.

Dr. Alfred Klassen, Bochum