Dr. Klassen hilft in Burundi II

Muramvya, den 17.1.19

Liebe Mitreisende,

Es ist kurz nach 5 Uhr morgens. Alles ist still, draußen auf der Veranda. Die kurze Morgendämmerung hat begonnen. Ein paar Vögel zwitschern und in der Ferne habe ich eine Kuh muhen hören. Das Konzert der Hähne hält sich in Grenzen. Nur eine große Krähe hat eine Schnecke gefangen und setzt sich auf das Blechdach des Nachbarzimmers und versucht, mit heftigen Schlägen, die Schale zu zertrümmern. Dabei springt sie im Kreis, mal von rechts, von links, rutscht auf dem Blech aus und trifft auch nicht immer. Ein Mordsspektakel. Um mich herum sind alle Stühle aufgestellt, mit Gardinenstangen und Besenstielen verbunden, mit der gesamten Wäschen behängt, die gestern Abend noch gewaschen wurde. Eigentliche gibt es einen Hinterhof mit ein paar Leinen, aber wir kamen erst halb acht von der Schule zurück, bei strahlendem Mondenschein. Dann noch schnell Brot, Thunfisch und Benzin gekauft und nach dem Abendessen (Ananas, Honig und Tomaten waren noch vom Vortag übriggeblieben) eben die Wäsche, mit der Hand; aber mittendrin ein heftiger Regenschauer. Tja, und nun hängt alles hier auf der Veranda. Der Stimmung tat das keinen Abbruch; es wurde viel gelacht und die Jugendlichen haben noch bis spät Uno gespielt.

Am Mittwoch war ich in Kibuye. Das liegt etwa 2 Stunden Taxifahrt, jenseits von Gitega. Es gibt hier gerade mal wieder keinen Sprit und so musst unser Bus gerade in Bujumbura tanken fahren (100 km). Eine atemberaubende Fahrt durch das Hochland von Burundi. Früh noch viel Nebel, sieht man zwischen den Wolken noch ein paar Bergspitzen. Wir nähern uns dem Ende der kurzen Regenzeit, alles ist grün, alles wächst und blüht. Überall die kleinen Felder und Gärten an den geschwungenen Abhängen. Es ist eine reine Subsistenzwirtschaft: Mais, Sorghum, Kartoffeln, Süßkartoffeln, Maniok. Nur hin und wieder Tee oder Kaffee. Keine Zäune, in den Hochebenen – teilweise noch mit Wasser bedeckt - dann auch Reis. Bananen, Mango, Ananas.

Es fahren viele LKWs (mit angehängten Fahrrädern) und Privatautos, kleine übervolle Minibussies Schlangenlinien auf der löchrigen Asphaltstraße, so dass die Menschen, die an beiden Seiten nach Hüben und Drüben gehen, manchmal erst in letzter Minute in die Gräben springen. Die Lastfahrräder mit bis zu 6 Mehl- oder übervollen Kohlesäcken (oder auch Bündel Tee, Bananenstauden, Bettgestellen, usw.) weichen natürlich nicht aus. Es sind ungeheuer viele Menschen zu Fuß unterwegs, in der Nähe der Ortschaften sieht man oft Hunderte gleichzeitig. Einige Marktplätze sind überfüllt, andere Buden stehen vollständig leer. Alle bieten sie mehr oder weniger das gleich an.

Gitega ist die alte Hauptstadt des Königreich Burundi. Im Rahmen der Berliner Konferenz 1884, als Afrika unter den Europäischen Mächten aufgeteilt wurde, gehörte es zu Deutschland, ab 1922 Belgien und ab 1962 (schon unter UN – belgischem Mandat) dann unabhängig. Das Land hat etwa 27.000 qkm (kleiner als Nordrhein-Westfalen in Deutschland oder die Departamente Itapua und Alto Parana zusammen in Paraguay) und mit 11 Mio. Einwohnern – zusammen mit Ruanda, das dichtbesiedeltste Land Afrikas. Das Land hat seit der Unabhängigkeit mehrere Bürgerkriege hinter sich. 1994 war ja Ruanda (Sie erinnern sich? Völkermord?, da war doch was…) in den Nachrichten, als wohl über ein Million Menschen innerhalb weniger Monate buchstäblich erschlagen wurden. In Burundi passierte dasselbe, nur nicht ganz so viele Menschen und über einen längeren Zeitraum, bis 2003 oder 2005 je nach Lesart. Vielen gelang es damals, in den Kongo zu fliehen.

Angeblich ist es ein schwelender Stammeskrieg, Tutsies gegen Hutus oder umgekehrt, und die Btwas irgendwo dazwischen. Ich habe den Konflikt zwar verstanden: die Tutsies wurden von den Belgiern vor der Unabhängigkeit hofiert, quasi als Beamten und Adelige, die Hutus waren das gemeine Volk, die Btwa dann noch die Ausgegrenzten. Die Unterscheidung habe ich allerdings nicht verstanden.

Sie sprechen die gleiche Sprache, gleiche Tradition. Die eine Gruppe soll eher Hirten und die andere eher Ackerbauern sein. Es gibt hier kaum oder gar nicht Herden (würde eher für die Steppe zutreffen, nicht für das gebirgige Land), alle außerhalb der Stadt pflanzen ihren Garten an. Man hat versucht, körperliche Merkmale zu suchen (und dann natürlich auch zu finden): größer und schlanker die einen, kürzer und stämmiger die anderen, kleiner die dritten; aber diese Art von Einteilung hatten wir in Deutschland auch schon einmal. Sie ist auch hier nicht zutreffend. Vor 25 Jahren wurden viele Menschen „aus Versehen“ umgebracht, weil sie eben nicht zu unterscheiden sind. Ein Lehrer (sehr gutes Englisch!) drückte es so aus: „In Wirklichkeit sind es nur gesellschaftliche Schichten, die den Unterschied machen. Es gibt keine 3 verschiedenen Stämme. Fast alle sind auch untereinander versippt und verschwägert, und man wird deshalb von anderen eher zu einer oder zur anderen Gruppe gezählt.“ Ein Kastensystem wie in Indien ist auch nicht zutreffend, da die Leute untereinander oft heiraten. Nur eines ist gleich: die ganz Niedrigen, die Btwa, die Parias unter den Burundiern, gegen die kann man sich problemlos stellen. Würde auch keiner wirklich zugeben, dass er einer ist.

Ich habe jeden Tag eine informelle Gesprächsgruppe mit Lehrern und dem Seelsorger der Schule; da können dann auch allgemeine Themen zur Sprache kommen. „Traumatisierte Kinder“, Vergebung, Waisenkinder, Vaterlosigkeit. Am Beispiel des barmherzigen Samariters (in meiner Erzählung war das ein Btwa) gezeigt, wie man damit umgehen kann – oder sollte. Aber was will ich ihnen eigentlich erzählen. Fast alle haben Angehörige verloren, oder Angehörige, die Leute umgebracht haben.

Das Budget des Landes wird zu über 50 % von China bezahlt (unentgeltlich?) und gilt als offizieller Umschlagplatz für die Bodenschätze aus dem Ostkongo. Es ist eines der unterentwickeltsten Länder Afrikas, höchster Analphabetenrate, hohe Kindersterblichkeit. Generation No future. Dass das nicht überall so bleiben muss, darum kümmert in der „Karubabi“ Harvest School in Muramvya.

Ich bin immer noch auf dem Weg nach Kibuye. Ich habe aus dem Keller meines Hospitals in Deutschland (Petruskrankenhaus, Wuppertal) in einen Koffer über hundert Osteosyntheseplatten (Stahl) und ein paar Hundert Schrauben mit, etwa 10 Fixateur externe, die dort nicht mehr gebraucht werden, alles zusammen mehr als 20 kg. Über einen guten Kontakt wurde ich an Dr. Fader vermittelt und er lud mich ein, am Mittwoch zu kommen, weil sie eine Oberschenkeloperation korrigieren wollten, die misslungen war. Es ist ein riesiges Missionskrankenhaus der Methodisten, seit mehr als 40 Jahren, derzeit mit 4 Chirurgen (USA, Kanada und Uganda) besetzt. Ein neuer OP Trakt ist gebaut worden und das Ganze wird mischfinanziert, d.h. das Mutter-Kind Department vom Staat, die anderen privat. Funktioniert ganz gut. Nach einem Rundgang durch ein wirklich sauberes und riesiges Hospital den Patienten noch kurz angeschaut und das Röntgenbild gesehen. Da kriegt man schon einen Schreck, vor allem, wenn man die Nägel, Platten und Instrumente sieht, die gebraucht wurden, und dann noch das fehlende Röntgengerät im OP. Nebenan eine Sectio nach der anderen, im Knochen OP der Reanimationsplatz für Neugeborene und da liegt nun der Patient, in Spinalanästhesie, auf der Seite, im Streckverband. Beim Abwaschen tönt noch „Du großer Gott“ aus dem Lautsprecher, aber als ich das Messer in die Hand nehme „Näher mein Gott zu dir“. Irgendwie musste ich an die Titanic denken, die bei diesen Klängen untergegangen sein soll. Aber es ist gut gegangen. Keine OP Schwester, dafür mit Dr. Thiessen (38) aus Kanada die Platte entfernt, Knochen zusammengepresst und mit dem dicksten vorhandenen Draht (1 mm !) eine Doppelschlinge gezogen, zweimal umwunden, an zwei Stellen und alles zusammengezurrt. Platte neu angelegt und nach Gefühl verschraubt. Fertig. Bekam eine Einladung, jederzeit wiederzukommen. Beim Lunch mit Thiessens‘ zu Hause (auch drei kleine Kinder) hatte ich ein deja-vú: genau so war es bei uns damals gewesen, vor 15 Jahren, in Mosambik.

Auf dem Rückweg hielten wir noch in Gitega auf dem Markt an. Die Einkaufsliste via WhatsApp war länger geworden: Schrauben, Schraubenzieher, ein Hammer, Seil, Abflussrohr, Stoff, Papier, Leim. Nachdem das Geld alle war, dann weiter nach Hause. Unterwegs habe ich noch per WhatsApp ein Foto des Röntgenbildes gesehen: der Nagel, die Platte und die Schrauben sitzen alle super, keine im Gelenk, und die Drähte halten alles zusammen. Jetzt noch (leider!) ein paar Wochen Bettruhe, gutes Essen, und Hr. – wie war doch nur der Name? – kann wieder laufen.

Wünsche allen ein schönes Wochenende.

Gott befohlen und bis zur nächsten Woche.

Alfred Klassen